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Der Sammlerkollege Herman ten
Have übersandte uns die beiden nachfolgenden Abbildungen eines
versiegelten Wertbrief und bat um nähere Angaben zu diesem Beleg. Wir
wollen nun Zug um Zug auf ein paar Details des Beleges erläutern:

Vorderseite |

Rückseite |
Es handelt sich hierbei
um einen Wertbrief der "Živnostenská
banka" aus Prag und ist mit dem 27.II.1939
datiert. Die Hauptfiliale am Firmensitz Prag schickt eine Sendung an
ihre Tochterfiliale in
"Plzni" (= Pilsen). 
Die Monatsangabe
im Tagesstempel ist in römischen Ziffern. Da die deutschen Truppen schon
am Morgen des 15. März 1939 in Prag einmarschierten ist es
unwahrscheinlich, dass im November noch ein Wertbrief mit komplett
tschechischem Text verschickt worden wäre.
Bei dem Umschlag handelt sich um einen Formbrief, der für einen Verschleißpreis
(Preis für das Formular) von 20h von der Post erhältlich
war. 
Diese Vordrucke, die ähnlich auch in Österreich/Ungarn schon während
des 1. WK (vielleicht auch schon früher) verwendet wurden,
erleichterten dem Absender eine schnelle Einlieferung und der Post ein
übersichtliches Adress- und Wertangabefeld. Gut
zu erkennen auch die Bestellnummer des Formbriefes:
Der Inhalt des Umschlages
war definitiv Geld, da jeder andere Inhalt (z.B. Wertpapiere,
Schecks o.ä.) hätte genauer beschrieben werden
müssen. Zur Kontrolle trägt der Umschlag eine Gewichtsangabe - hier 83
Gramm: 
Die
Gewichtsangabe wurde stets ganz zum Schluß (ggf. unter
Berücksichtigung von Aufklebern und Portomarken) auf dem Umschlag
geschrieben. Und
wenn wir schon beim Thema Aufkleber sind: Aufkleber durften auf
Wertbriefen prinzipiell
nicht angebracht werden. Die einzige Ausnahmen waren der Nummernzettel
sowie Briefmarken. Die Briefmarken waren so zu wählen, dass zum
Erreichen des Portos möglichst wenige Marken benötigt wurden. Außerdem
musste ein Mindestabstand von 10mm zwischen den Marken eingehalten
werden. Diese
Regelung soll verhindern, dass jemand die Marken ablöst, darunter ein
Loch in den Umschlag macht und durch dieses Loch die Inhalte
herausfischt. Zum guten Schluß wird die Marke wieder auf den alten
Platz geklebt und auf dem ersten Blick ist die Beraubung der Sendung
nicht erkennbar. Daher
macht die Angabe des Gewichtes vor Öffnung der Sendung eine Kontrolle
möglich.
Die Stempel dürften Eingang- und Buchungsstempel der Zentrale
bzw. der Filiale der "Živnostenská banka" sein.

in der Mitte:
Eingangstempel von der Filiale in Pilsen
Dass es sich bei dem
vorliegenden Stück um einem Wertbrief handelt ist auch dem
nachfolgenden Klebezettel zu entnehmen:
Beim genauen Hinsehen
erkennt man auf dem Klebezettel ebenfalls die Gebühr von 5 Kc.
Die Wertangabe ist 3.000 Kronen:

Die Portoangabe von 5 Kc (siehe weiter unten) lässt darauf
schließen, dass die
Wertangabe von 3.000 Kc sehr hoch sein muss. Rechnen
wir daher einmal nach: der Umrechnungskurs der Böhmen & Mähren Krone (bzw.
Tschechischen Krone) zur Reichsmark lag bei 10 zu 1. Der Wert des
Briefes entspricht also 300,- RM und das war 1939 schon noch ein
nennenswertes Sümmchen.
Nach Angaben des Hamburger Staatsarchives und des statistischen
Bundesamtes hätte die Reichsmark etwa folgenden Wert in € (Stand
2000):
1 Reichsmark (1924–1936) = 3,32 Euro
1 Reichsmark (1937/38) = 3,58 Euro
Würde bedeuten: 3.000 Kc = 300 RM x 3,58 (Faktor Euro) = 1.074
EURO
Der ganze Umschlag ist auf Wertversand ausgerichtet, denn alle
Sendungen mit diesem Umschlag konnten nur als Wertbrief versendet
werden. Dies ist der Tabelle mit den verschiedenen Wertangaben zu
entnehmen:
Das Porto betrug 5 Kc:

Da
keine Marken oder Freistempelabdrucke vorhanden sind ist anzunehmen,
dass die Gebühr angeschrieben und monatlich mit dem Postamt
abgerechnet wurde.
Wertbriefe mussten
grundsätzlich versiegelt sein - die
Siegel waren so anzubringen, dass alle Umschlagklappen erfasst wurden: 
Dabei
hat das Siegel ein besonderes Motiv aufzuweisen. In den Postrichtlinien
stand daher folgerichtig: "Die Siegel müssen ein eigentümliches
Gepräge haben" - mit anderen Worten: in der Gestaltung ohne
Nachahmungsmöglichkeit. Und genau das zeigt auch das vorhandene
Siegel: 
Es
trägt den Namen der Bank sowie einen Bienenkorb. Somit ist das Siegel der Bank
tatsächlich einmalig.
Ebenso gut ist auch zu erkennen, dass zwei verschiedene
Bankmitarbeiter den Umschlag so unterschrieben haben, dass die
Unterschriftszüge über die Briefklappen herüber gingen. 
Um
eine Veruntreuung der Gelder durch eigene Mitarbeiter zu verhindern
mussten in der Regel stets zwei Mitarbeiter beim Verschliessen und beim
Öffnen der Sendung sowie der Protokollierung des Inhaltes anwesend
sein.
Die
"Živnostenská banka" Zum
guten Schluß: Die "Živnostenská banka" wurde 1868
gegründet und bestand bis zum Jahre 2002. In diesem Jahr wurde sie von
der italienischen UniCredit Group übernommen, die ihrerseits 2007 mit
der HVB Bank fusionierte. Seitdem trägt sie den neuen Namen "UniCredit
Bank Czech Republic". Seit
1939 war Prag als Hauptstadt des Protektorates Böhmen und Mähren vom
Deutschen Reich besetzt.
Während des Zweiten
Weltkrieges entkam die "Živnostenská banka" als einzige tschechische
Bank der direkter Annexion durch eine deutsche Bank. Trotzdem wurde sie gezwungen,
die deutsche Kontrollen und Herrschaft zu akzeptieren und kräftig zur deutschen Kriegsfinanzierung beizutragen.
Sie "kaufte" im Wert von fast einer Milliarde Kronen
Kriegsanleihen - diese Summe entsprach in etwa der dreifachen Summe des
Aktienkapitals der Bank.
Während der deutschen
Besetzung versucht das Geldinstitut mehr oder weniger erfolgreich, die Interessen der tschechischen Industrie zu schützen.
Nach dem Kriegsende 1945 wurde
die "Živnostenská banka", wie auch alle anderen tschechischen Banken,
zwangsverstaatlicht.
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