Johann Dzierzon wurde am
16. 01. 1811 in Lowkowitz , Krs. Kreuzburg in Schlesien geboren. Nach
dem Schulabschluß studierte er Theologie an der Universität in
Breslau, welches er 1833 abgeschlossen hat. Von 1834 - 73 war er Pfarrer
in Karlsmarkt in der Diözese Breslau. Nachdem er sich dem päpstlichen
Unfehlbarkeitsdogma des Vatikanischen Konzils von 1869/70 nicht beugte,
siedelte er in seinen Geburtsort Lowkowitz um.
Klein und schwächlich von
Figur, teilte dieser arbeitssame und bescheidene Mann die Emsigkeit und
und Arbeitsfreude seiner Bienen. Er betreute dreihundert bis vierhundert
(!) Völker und lebte arm und bescheiden unter seinen Mitmenschen. Obwohl
sein Weltruhm ihm manchen Ruf an Institute im In- und Ausland bescherte,
blieb er seinem Heimatort treu. Hier konnte er sich seiner Wissenschaft in
aller Ruhe widmen. Dzierzon experimentierte an der dunklen europäischen
Biene, mit dem Artnamen: Apis mellifera mellifera.
Im deutschsprachigen Raum
gab es die Korbimkerei im Westen und Osten die Imkerei in Klotzbeuten. Um
die Bienen besser beobachten zu können, baute Dzierzon eine Klotzbeute
aus Brettern und versah sie mit beweglichen Wabenrähmchen. Die
Hinterbehandlungsbeute und das Bienenhaus, das sich im gesamten deutschen
Sprachgebiet durchgesetzt hat, waren erfunden. Später fügte er zwei
Beuten zusammen, es entstand der Zwillingsstock, der ausserdem noch
beweglich war.
Parthenogenese
Die biologisch wichtigste der neuen
Einsichten in das Bienenvolk war die Entdeckung der Parthenogenese
(Jungfernzeugung), einer Fortpflanzung ohne Beteiligung eines Vaters und
ohne Eibefruchtung. Diese Erkenntnis stammte aus der Beobachtung einer flugunfähigen
Königin, die nur Drohnen erzeugte. Seine Hypothese veröffentlichte er
1845 in der Nr. l der „Eichstädter Bienenzeitung". In Anbetracht
des damals herrschenden Wirrwars an Meinungen über die Ausbildung der
Geschlechter im Bienenvolk (Männchen entstehen aus dem linken, Weibchen
aus dem rechten Eierstock; es gibt eigene Drohnenmütter, während die Königin
nur Arbeitsbienen erzeugt; das Geschlecht wird durch Belecken der Eier
bestimmt, usw) wirkte diese Ansicht revolutionär und wurde
leidenschaftlich bekämpft.

Zu Hilfe kam Dzierzon der Münchner
Zoologe Ernst v. Siebold, der die Parthenogenese auch bei anderen
Insekten (Ameisen, Schmetterlingen) nachwies und mit Dzierzon auf der
dritten "Wanderversammlung der deutschen Bienenwirthe" 1852 in
Brieg gemeinsam vertrat. Dierzon hatte als Erster, durch die Vermittlung
des Landwirtschaftlichen Zentralausschusses Wien im Februar 1853 ein
Volk der Italienischen hellen Biene, Apis mellifera ligustica von einem
aus Hannover stammenden und in Venedig lebenden Imker namens v. Prollius
über die Alpen nach Deutschland gebracht. Die Anregung zu diesem ersten
Import einer fremden Biene nach Deutschland kam von Herrn v. Baldenstein
in Graubünden. An diesen Bienen verfolgte Dzierzon weiter seine
Arbeiten über die Parthenogenese.

Die Arbeit mit der Italienischen Biene
lieferte weitere, sehr beweiskräftige Befunde über die Entstehung der
Geschlechter im Bienenvolk, brachte aber auch manche Schwierigkeiten.
Eine in Schlesien begattete reine Italienerbienenkönigin, erzeugte rein
gelbe Drohnen, aber Hybrid-Arbeiterinnen. In einem umgekehrten Fall -
eine dunkle Königin in einem gelben Volk - ergab nicht nur dunkle,
sondern auch etliche gelbe Drohnen. Dzierzon fing an, an seiner Theorie
anzuzweifeln, (obwohl ihm die Entstehung von Drohnen aus Arbeiterinnen
bekannt war), die nun v. Seibold gegenüber ihrem Schöpfer verteidigen
mußte. Dieses zeigt die persönliche Bescheidenheit Dzierzons und die
streng wissenschaftliche Haltung gegenüber seinen eigenen
Beobachtungen.

Dzierzon war geübt in der Aufzucht
von Königinnen. Bald wurden zahlreiche Königinnen und Völker in
verschiedene Staaten Deutschlands verschickt und ins Ausland exportiert.
Mehr als 300 Königinnen und Schwärme gingen in die Schweiz,
Frankreich, Dänemark, Schweden, Rußland und Ungarn, sogar nach
Amerika. 1878 berichtet er in seinem Buch „Rationelle Bienenzucht oder
Theorie und Praxis" von - Tausenden italienischen Schwärmen und Königinnen
- die er versandt hatte. Der Export von sechs Ligustica-Völkern nach
New York im Jahre 1859 hatte zu Folge, daß die gesamte amerikanische
Bienenzucht auf diese Biene umgestellt wurde. Zur Laune der Geschichte
der Imkerei gehört, daß die Ligustica-Biene den Weg in die Welt nicht
aus Italien antrat, sondern vom Stand eines deutschen Züchters.
Das wissenschaftliche Erbe Dzierzons
ist sehr umfangreich, Seine Artikel veröffentlichte er anfangs in den
„Brauendorfer Blättern", ab dem Jahre 1845 in der „Eichstädter
Bienenzeitung" 1847 erschien in Grottkau das Buch: „Neue verbesserte
Bienenzucht", 1848 „Theorie und Praxis des neuen Bienenfreundes
oder: Neue Art der Bienenzucht mit dem günstigsten Erfolge angewendet
und dargestellt von Dzierzon, Pfarrer zu Carlsmarkt in Schlesien",
1852 in Nördlingen das Buch: „Nachtrag zur Theorie und Praxis des
neuen Bienenfreundes oder einer neuen Art der Bienenzucht,, 1890 „Der
Zwillingsstock als zweckmäßigste Bienenwohnung durch mehr als 50-jährige
Erfahrung" und viele andere Arbeiten. 1872 wurde ihm die
Ehrendoktorwürde der Universität München verliehen.

In seinem schlichten Zimmer, auf dem
Sterbebett liegend, ließ der 95-Jährige Bienenvater einen Stock mit
Bienen stellen, um beim Summen seiner Lieblinge von dieser Welt Abschied
zu nehmen. Auf seinem Grabstein stehen die Worte: „Wahrheit zu
erforschen ist des Menschen würdigstes Bestreben, Wahrheit gefunden
zu haben der schönste Lohn".
In der volkskundlichen Abteilung des
Oberschlesischen Landesmuseums zu Beuthen-Bytom, befindet sich ein
kleines Zimmer, in dem sich Einrichtungsgegenstände wie Tisch, Stuhl,
Bett und Uhr befinden, die an Dzierzon erinnern.
Aus
"Insektenkurier", Heft 61
mit freundliche Genehmigung der ArGe "Entomologie"