Christopher Robin hat ein Heffalump
gesichtet, das kommt nicht alle Tage vor. Es «hat einfach so vor sich
hin gelumpt». Winnie-der-Pu und sein bester Freund Ferkel, der einen
Großvater namens «Betreten V» (Abkürzung für Betreten Viktor)
hatte, sind neidisch Sie beschließen, ein Heffalump zu fangen und bauen
eine Falle, nämlich ein tiefes Loch mit einem Honigtopf als Köder.
Doch wer ändern eine Grube gräbt ...

Nachts wacht Pu «mit einem Gefühl
des Sinkens» auf, was bedeutet: Er hat Hunger. Pu eilt zur Falle und
sitzt am Morgen selber drin, den Kopf im Honigglas eingeklemmt. In den
zwanziger Jahren hat der englische Dramatiker Alan Alexander Milne
(1882-1956) Geschichten rund um die Stofftiere seines fünfjährigen
Sohnes Christopher Robin erfunden. Zusammen mit dem Illustrator Ernest
H. Shepard hat er damit einen Klassiker der Kinderliteratur geschaffen.
Pu ist zwar ein «Bär von sehr geringem Verstand». Aber er hat Einfälle,
zum Beispiel als Wolke getarnt per Luftballon auf Honigklau zu
gehen.

Er hat aber auch ein «gutes» Herz:
Als der stets düster gestimmte Esel I-Ah Geburtstag hat und von
niemandem beschenkt wird, bringt er ihm einen Topf Honig, den er
allerdings unterwegs selber schnabuliert. Von Ferkel erhält I-Ah einen
aus Versehen zerplatzten Ballon. Wie I-Ah sich darüber freut, die
Gummifetzen in den «nützlichen Topf» zu legen und wieder
herauszunehmen, ist eine wunderschöne Entwaffnung des utilitaristischen
(nur auf den Nutzen bedachten) Denkens. Szenen wie diese haben
vielleicht John Tyerman Williams dazu verlockt, die Geschichten um
Winnie-der-Pu als philosophische Literatur zu lesen, Literatur, die den
Dingen auf den Grund des Honigtopfs geht.

Freilich kann es vergnüglich sein,
I-Ah als Stoiker (unerschütterlich, gleichmütig), Ferkel als
Moralphilosophen, die Bienen als Kantsche Anschauungsformen und Pu als
nietzsche-anischen Überbär zu lesen. Williams Durchgang auf dem
Hintergrund durch die ganze Philosophiegeschichte zieht Fäden, die Gags
wirken gesucht. Milnes Geschichten bedürfen keines Kommentars, sie
leben von ihrer Knappheit, denn sie sind minimalistische Meisterwerke.

Daß solche Sprachkunst in der Person
von Harry Rowohlt einen brillanten Übersetzer gefunden hat, ist ein Glücksfall.
Harry Rowohlt, Verfasser einer vergnüglichen «Zeit»-Kolumne mit dem
Titel «Pooh's Cornen» ist auch ein brillanter Vorleser und hat seinen
deutschen Pu auf Tonträger gesprochen. Pu selber versieht Rowohlt, der
mit Silbermähne, Vollbart und schlauen Äuglein selber etwas Bärtiges
an sich hat, mit einer gemächlichen Brummbärstimme, der depressive
Esel I-Ah klagt durch die Nase, und das ängstliche Ferkel spricht
kurzatmig und eine Oktave höher. Pu liebt es, «einen kleinen Mundvoll
oder Ähnliches zu sich zu nehmen». Wir begnügen uns nicht, mit einem
Ohr voll «Ohrenhonig», sondern schlecken den ganzen Geschichtentopf
aus.

Aus
"Insektenkurier", Heft 57
mit freundliche Genehmigung der ArGe "Entomologie"